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Über Nutzen und Würde von Wald und Holz

Überlegungen zur Verantwortung im Umgang mit einer zentralen Lebensgrundlage

Mit dem Titel „Über Nutzen und Würde von Wald und Holz – Überlegungen zur Verantwortung im Umgang mit einer zentralen Lebensgrundlage“ haben der Moraltheologe Michael Rosenberger und der Forstwissenschaftler Norbert Weigl im November 2014 ein Buch vorgelegt, in dem die ersten Ergebnisse des „philosophicum lignum“, eines interdisziplinären Kreises von Wissenschaftlern im Dialog mit Vertretern der Forst- und Holzwirtschaft, zur Diskussion gestellt werden.

Die Nutzung von Wald und Holz wird, so eine zentrale These der Herausgeber, die postfossile Zukunft der Menschheit wesentlich prägen. Daraus ergibt sich einerseits die Notwendigkeit, die Verfügbarkeit von Holz mittels fachlich fundierter und nachhaltiger Waldbewirtschaftung zu sichern und durch technologische Impulse eine zukunftsfähige Verwendung von Holz im Alltag zu ermöglichen. Andererseits wird die Menschheit ihre vielfältigen Ansprüche an Wald und Holz bei knapper Verfügbarkeit an ethischen Grundsätzen und an einem generationenübergreifenden Denken orientieren müssen. Dies heißt auch, nicht alles ausschließlich am ökonomischen Nutzen auszurichten und der nichtmenschlichen Schöpfung angemessene Lebensräume zu überlassen.   Nutzung und Würde von Wald und Holz markieren somit die beiden Spannungspole des hier vorgelegten Diskurses. Dabei meint Nutzung nicht nur die ökonomische, sondern beispielsweise auch die ästhetische, ökologische und therapeutische Nutzung von Wald und Holz durch den Menschen, aber auch die Nutzung des Waldes durch nichtmenschliche Lebewesen. Wie Nutzen und Würde miteinander ausbalanciert werden, ist die entscheidende ethische Frage für den Umgang mit Wald und Holz.  


Die folgende Aufzählung einiger Aspekte aus den Beiträgen der Autoren soll einen ersten Eindruck über die inhaltliche Vielfalt bieten:

Stefan Böschen, Soziologe aus Karlsruhe, schlägt Reallabore vor. Vor Ort arbeiten Wissenschaftler und Akteure zusammen und probieren eine Problemlösung. Es wird nicht erwartet, dass diese Lösungen weltweit funktionieren. Aber auf diese Weise wird eine Reihe an Lösungsmodellen erarbeitet.  
Bernhard Freyer, BOKU Wien, beschäftigt sich mit Aushandlungsprozessen über die richtige Behandlung und Nutzung lokaler Wälder. Die Verhandlungspartner sollen sich zunächst über die ethischen Grundlagen, die sie für die Bewertung von Handlungen heranziehen, einigen. Erst danach werden die Interessen formuliert und ein Abgleich mit den ethischen Normen versucht.  
Günter Dobler, TU München, beschreibt, dass eine Radikalisierung einzelner Ansprüche an den Wald das Konzept integrativer Waldwirtschaft gefährdet. Der Abwägungsprozess bei der Waldbehandlung sollte möglichst transparent gemacht werden, um für die dadurch gefundenen Lösungen Zustimmung in der Bevölkerung zu erhalten.  
Joachim Hamberger, TU München, stellt fest, dass, weil der Wald eine zentrale Ressource für das Überleben der Menschheit darstellt, es auch gerechtfertigt ist, dass seine Nutzung Normen unterliegt. Es braucht dazu den ethischen Waldbesitzer und ein Bündnis für Waldkultur, das alle Gesellschaftsgruppen umfasst.  

Klaus Katzensteiner, BOKU Wien, vergleicht verschiedene Waldnutzungsszenarien hinsichtlich ihrer Ökosystemleistungen und bescheinigt dabei der multifunktionalen Forstwirtschaft viele Vorzüge.  
Michael Rosenberger schlägt eine Sabbatische Forstwirtschaft vor. Am Sabbat, d.h. am siebten Tag, ruht die Nutzung. Das heißt angewandt auf den Wald: Wald wird nicht allein unter Nutzenaspekten betrachtet, manches bleibt unverfügbar und wird nicht genutzt. Aus Respekt vor der Würde der Schöpfung.  

Alfred Teischinger, BOKU Wien, schreibt über die Technologie des Holzes und die Möglichkeiten, über Materialeffizienz, Mehrfachnutzung und Recycling den Rohstoff Holz maximal zu nutzen bei minimaler Belastung der Umwelt.  
Auch Gerd Wegener, TU München, fordert eine energieeffiziente und materialgerechte Nutzung des Rohstoffes Holz und eine Verwendung in möglichst langlebigen Produkten. Die Nutzung fossiler Ressourcen ist nur ein Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte.  
Norbert Weber, TU Dresden, stellt fest, dass nur eine signifikante Minderheit von Ländern nachhaltige Forstwirtschaft betreibt. Durch die Stilllegung von Waldflächen wird der Druck auf andere Länder erhöht, Holz zu produzieren. In Europa besteht daher eine moralische Pflicht zur Holzproduktion, um die Problemverlagerung in andere Regionen der Welt zu vermeiden. Die Interpretation, was Wald ist, wofür er dient oder nicht dient, hängt von den Erzählungen ab, die es über ihn gibt. Norbert Weigl zeigt auf, dass es in der Gesellschaft eine Vielfalt an Erzählungen gibt, die das Verständnis vom Wald prägen und nahe legen, wie man mit ihm richtig umgeht.  
Christian Smoliner, Wissenschaftsministerium Wien, gibt sechs Thesen für eine hölzerne Zukunft. Beispielhaft sollen zwei genannt werden: These 2: Holz kommt aus dem Wald und das ist gut so. These 3: Das Zukunftsmodell Bioökonomie ist ohne Holz nicht denkbar.  
Philosoph Rudolf Burger erinnert in einem Interview daran, dass unser Verständnis von Wald und Natur ein Kulturprodukt ist. Wald als Forst ist ein spezifisch europäisches Kulturgut und könnte in Europa als zentrales Identifikationsmerkmal dienen.  

Georg Emprechtinger, TEAM 7, unterstreicht im Interview, dass die Einzigartigkeit des Baumes sich in der Einzigartigkeit des Möbelstückes wiederfinden sollte. Holz ist ein wertvolles Unikat mit einer eigenen Geschichte, das zu einem würdevollen Umgang verpflichtet.  
Architekt Hermann Kaufmann stellt im Interview fest, dass heute die Verwendung von Holz noch hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Dabei ist Holz kein Modematerial sondern eine dauerhafte Alternative zu den derzeit vorherrschenden Baumaterialien und er kündigt eine Ressourcenwende an, die auf die Energiewende folgen wird.  
Präsident Wolfgang Pfarl plädiert für Maß halten und Nachdenken, um dem Machbarkeitswahn zu widerstehen. Es braucht Vorbilder für einen ökosozialen Sinneswandel unserer Gesellschaft.  
Für die Holzindustrie erläutert Erich Wiesner, dass Achtsamkeit für das Material Holz dessen Nutzung nicht ausschließt, aber zum sorgsamen Umgang verpflichtet. Holz zu verbrennen sollte die allerletzte Variante sein.  
Forstmeister Johannes Wohlmacher spricht vom Plenterprinzip, von der Individualität des Einzelstammes und wie im Wald die Natur zum Lehrmeister wird. Nachhaltigkeit heißt für ihn das, was wir vorfinden, besser zu hinterlassen.


Bei der Präsentation des Buches im Rahmen der Österreichischen Holzgespräche 2014 in Pörtschach bedauerte Günter Dobler das Reflexionsdefizit unserer Zeit und stellte den Wert des grundsätzlichen Nachdenkens heraus, für das das „philosophicum lignum“ eine ansonsten seltene Gelegenheit bot. Er verwendete das Fliegenglas als zentrales Sinnbild für seine Ausführungen. Dabei handelt es sich um eine Lebendfalle, in die Fluginsekten gelockt werden und in der es diesen nicht gelingt, den Weg zurück ins Freie zu finden, obwohl er weiterhin offen steht. Die Menschheit, so die These Doblers, befindet sich in einer ähnlichen Falle, aus der sie sich anscheinend nicht befreien kann, obwohl sie es grundsätzlich doch könnte. Wie sollte es sonst zu erklären sein, dass global gesehen Umweltprobleme immer noch zunehmen und unsere Lebensgrundlagen weiter in Gefahr geraten? Man muss innehalten und nach den Strukturen und Mechanismen Ausschau halten, die uns gefangen halten, denen wir nicht entkommen können oder wollen. Das oben angesprochene „grundsätzliche Nachdenken“ ist notwendig. Die bisherigen Diskussionen im „philosophicum lignum“ haben nach Günter Dobler Folgendes herausgestellt: Wald ist eine zentrale Ressource. Der Zugriff des Menschen auf Wald und Holz ist legitim und überlebensnotwendig, aber die Nutzung muss verantwortungsvoll und nach ethischen Maßstäben erfolgen.   Das kommt auch in den Bildern zum Ausdruck, die von den Autoren und Interviewpartnern in ihren Buchbeiträgen für Wald und Holz verwendet werden: Wald bedeutet Reichtum, an dem wir teilhaben dürfen, ist eine geschenkte Ressource, ein eindrückliches Bild für das Miteinander der Generationen und Inbegriff für Wohlergehen und Heil. Holz ist ein wertvolles Unikat mit eigener Geschichte, ein sympathischer Werkstoff, genial, da leicht und trotzdem fest sowie allgegenwärtig (schaut uns aus jedem Blatt Papier an).  


Autor: Maierhofer
18.12.2014, 11:54 MEZ

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