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Bioökonomie und Waldpolitik

Europäisches Forstinstitut Regionalbüro EFICEEC, Wien

Die Bioökonomie ist derzeit in aller Munde: Nicht nur dass sie als Leitidee einer neuen EU-Politik auftaucht, verspricht sie auch technologischen und sozialen Wandel. Viele Sektoren bewerben sich daher als potenzielle Führungsfiguren. Was steckt dahinter, und was sind die Auswirkungen auf die Forstwirtschaft? Um diese Fragestellung tiefergreifend beantworten zu können, muss zuerst eine Begriffsklärung erfolgen. In der Tat fehlt derzeit eine Definition und Verständnis, was Bioökonomie ist, und welche Rolle der Forstsektor darin spielen kann. Beim Versuch die Bioökonomie zu definieren, gilt es jene auch von anderen Konzepten abzugrenzen:  

Bioökonomie
im engeren Sinne (bio-economy oder bio-based economy) wird in der EU Bioökonomie Strategie als „innovativere Wirtschaft mit geringen Emissionen […][definiert], um die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft und Fischerei, die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung und die nachhaltige Nutzung erneuerbarer biologischer Ressourcen in der Industrie zu gewährleisten und gleichzeitig die biologische Vielfalt und Umwelt zu schützen.“

Ein weiteres, nicht unbedingt gleiches Konzept stellt die sogenannte Green Economy dar. Sie hat den Schwerpunkt weniger auf biobasierten Produkten und Energieherstellung, sondern betont alle erneuerbaren Energieträger, umweltfreundlichen Produktions- und Recyclingprozesse und legt einen hohen Stellenwert auf die soziale Verträglichkeit der wirtschaftlichen Tätigkeit selbst. Sie stellt daher ein umfassenderes Konzept dar. Obwohl jene vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) 2011 entwickelt wurde, ist sie mittlerweile auch ein neues Leitkonzept des Forstsektors auf Pan-Europäischer Ebene (z.B. Rovaniemi Action Plan 2014, UNECE; vorgeschlagene Resolution zu green economy, Forest Europe).  

Zusätzlich arbeitet die Europäische Kommission bis Ende 2015 an einer Strategie für eine sogenannte Circular Economy. Dieses Konzept legt ein besonderes Augenmerk auf die Müllvermeidung und integrierte Wertschöpfungsketten und soll komplementär zu bisherigen EU-Strategien, z.B. der Bioökonomie-Strategie wirken.  

Gleichwohl der Name Bioökonomie einen ökologischen Fokus nahelegt, kann ein Richtungswechsel in Richtung (Bio-)Technologie, Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und intensivierte Nutzung von natürlichen Ressourcen ausgemacht werden, während Umweltbelange und soziale Aspekte in den Hintergrund treten. Dem entsprechend scheint die Bioökonomie die „nachhaltige Entwicklung“ als Leitthema in der EU abzulösen. Die Schwerpunkte der EU Bioökonomie-Strategie sind folgende:

1. Ernährungssicherheit
2. Nachhaltiges Management natürlicher Ressourcen
3. Reduzierung der Abhängigkeit von nichterneuerbaren Ressourcen
4. Klimawandel - Vorbeugung und Anpassung
5. Arbeitsplätze und europäische Wettbewerbsfähigkeit

Nicht überraschend fühlt sich der Forstsektor bei den meisten Aspekten angesprochen und in der Themenführerschaft. Das erklärt auch warum unterschiedlichste Interessensgruppen und Regierungen wohlwollend auf die Bioökonomie reagieren. Historisch betrachtet entstammt das Konzept aus einer biotechnologischen Richtung in Kombination mit einer stark marktwirtschaftlichen Komponente. Um die Rolle der Forstwirtschaft und ihrer Ressourcen adäquat zu positionieren, bedarf es daher eines strategischen Agenda-Settings, das klar aufzeigt, wie sie über biobasierte Produkte und Bioenergie hinausgehen kann.

Verwandte, aber nicht kongruente Konzepte können wertvoll sein, um Synergien und gemeinsame Ziele zu identifizieren, aber auch um Defizite durch sektorale Grenzen des Bioökonomieansatzes darzulegen.
Tatsächlich birgt der gegenwärtige Ansatz der Bioökonomie inhärente Konflikte, von denen einige auch für den Forstsektor relevant sind. Vor allem wird aber auch zu klären sein, in welchem Kontext das forstliche Nachhaltigkeitsparadigma und die Bioökonomie stehen.   Alle fünf Zielsetzungen der EU Bioökonomie-Strategie haben Anknüpfungspunkte für den forstbasierten Sektor.  

1. Ernährungssicherheit
Die Frage der Ernährungssicherheit lässt sich über die Frage der zukünftigen Landnutzung in Europa mit dem Forstsektor verbinden. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass vor allem auf hochproduktiven Flächen sowohl in der Land- als auch in der Forstwirtschaft der Intensivierungsdruck der Primärproduktion zunehmen wird. Darüber hinaus sind aber keine großen Transformationen von Wald in landwirtschaftliche Flächen in Europa, wohl aber außerhalb Europas z.B. im Tropenwald zu erwarten.  

2. Nachhaltiges Management natürlicher Ressourcen
Als Kernthema der Forstwirtschaft, wecken die Rohstoffreservoirs der europäischen Wälder Begehrlichkeiten im Lichte einer Bioökonomie. Tatsächlich konnten in Nachkriegsjahrzehnten große Zuwachsüberschüsse und zunehmende Vorräte in den europäischen Wäldern erhoben werden. Gegenwärtig werden in der EU rund 64% des Nettozuwachses mit steigendem Trend genutzt. Dabei gilt es zu bedenken, dass diese Rate räumlich stark variiert. In Zusammenhang mit der vielgeforderten Holzmobilisierung bleibt festzuhalten, dass unterschiedliche Wuchspotentiale und Strukturen, andere gesellschaftliche Zielsetzungen und nicht zuletzt die Vielzahl an Klein- und Kleinstwaldbesitzern mit heterogenem Bezug zum Wald eine große Herausforderung darstellen. 

3. Reduzierung der Abhängigkeit von nicht-erneuerbaren Ressourcen Holzressourcen als wesentlicher Teil nach-wachsender Rohstoffe wurden als bedeuten-der Bestandteil der Europa 2020 Strategie zur Erhöhung des Bioenergieanteils ausgemacht. Mittlerweile gibt es große Kritik daran, primäre Biomasse aus Holz direkt zu energetischen Zwecken zu nützen. Das führte sowohl zu einer Erhöhung der Biomasse- als auch der Lebensmittelpreise. Gegenwärtige Ideen im Rahmen der Bioökonomie sprechen von gesteigerter Ressourceneffizienz durch Schaf-fung von integrierten Produktionsketten (z.B. industrial ecosystems), einer mehrstufigen, smarten Verarbeitung zur vollwertigen Nutzung von Rohstoffen in Bioraffinerien und der kaskadischen Nutzung von Holz (vom Holzprodukt bis zur thermischen Verwertung erst am Ende).  

4. Klimawandel - Vorbeugung und Anpassung
Der Klimawandel wird eine zunehmende Rolle für die Forstwirtschaft spielen. Aus dem Blick-winkel der Bioökonomie sind zwei Aspekte wichtig: Die Bedeutung der Wälder und seiner Produkte für den geplanten Weg der EU in Richtung einer kohlenstoffarmen Wirtschaft (low-carbon economy) bis 2050 ist eminent. Dazu bedarf es aber einer besseren Anrechnung von Holzprodukten in Kohlenstoffbilanzen und einer stärkeren Forcierung eines realistischen Kohlenstoffpreises. Die Anpassung der Wälder ist insofern wichtig, als sie eine Risikovorsorge darstellt, deren Fehlen die Ziele der Bioökonomie infrage stellen können (z.B. durch unvorhersehbare Biomassenutzungen).  

5. Arbeitsplätze und europäische Wettbewerbsfähigkeit
Der forstbasierte Sektor in Europa geriet in jüngster Vergangenheit unter großen Druck: die Wirtschaftskrise, eine mehr und mehr globalisierte Produktion, und gesellschaftliche Änderungen wie das digitale Zeitalter machen strukturelle Probleme des Sektors deutlich. Im Zuge einer Bioökonomie steigt der Bedarf für einen diversifizierten Sektor. Durch eine Vielzahl an neuen Produkten und Nutzungsformen sollen aber auch neue Märkte und Nischen sowohl für Holzproduzenten als auch in der Industrie entstehen.


Autor: Maierhofer
07.10.2015, 11:44 MEZ

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