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Waldstrategie 2020+

von DI Dr. Gerhard Pelzmann, MA

Die gesellschaftlichen Ansprüche an den Wald steigen kontinuierlich und es ist heute wichtiger denn je, gemeinsam die richtigen Prioritäten zu setzen. Dies wird durch die Österreichische Waldstrategie 2020+ gesichert.

Daher wurde im Mai 2016 im Rahmen des Walddialoges beim sogenannten “Runden Tisch” die Österreichische Waldstrategie 2020+ mit Bundesminister Andrä Rupprechter offiziell verabschiedet. Die Strategie liefert die Basis für die Bewältigung der verschiedenen Herausforderungen an den Wald und wurde in den vergangenen zwei Jahren in einem breiten und offenen Dialog mit 85 Organisationen unter Federführung der Forstsektion des Ministeriums erarbeitet. Von Forsteigentümern über Nutzungsberechtigte bis hin zu Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen waren viele Interessengruppen beteiligt. Hauptziel ist die Sicherstellung aller Dimensionen der nachhaltigen Waldbewirtschaftung mit einem besonderen Fokus auf die Nutzung des erneuerbaren Roh- und Werkstoffes Holz.


Der Österreichische Walddialog ist ein offener, kontinuierlicher und partizipativer Politikentwicklungsprozess, welcher 2001 ins Leben gerufen wurde. Er entwickelte sich zu einem national und international viel beachteten Beispiel für good governance. Im Jahr 2005 wurde in diesem Rahmen das erste Österreichische Waldprogramm verabschiedet und in weiterer Folge mit Hilfe eines Arbeitsprogrammes entsprechend umgesetzt. Viele der heute bestehenden waldpolitischen Aktivitäten würde es ohne den Österreichischen Walddialog nicht geben. Aufbauend auf das erste Waldprogramm sind nun in der Waldstrategie 2020+ die waldpolitischen Eckpfeiler für die nächsten Jahre festgeschrieben, die von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen konsensual erarbeitet wurden.
Die Österreichischen Waldstrategie 2020+ berücksichtigt politische Vorgaben aktueller nationaler und internationaler waldbezogener Strategien, Programme und Prozesse. Darunter fallen unter anderem die Österreichische Biodiversitätsstrategie 2020+, das Österreichische Waldökologieprogramm (ÖWÖP), die Österreichische Strategie zur Anpassung an den Klimawandel, das Programm LE 2020 „Wald.Wasser“ sowie die EU-Waldstrategie, die EU-Biodiversitätsstrategie, der Forest Europe Prozess, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs), die Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die Biodiversitätskonvention (CBD) und das Waldforum der Vereinten Nationen (UNFF).
Die Umsetzung der Waldstrategie 2020+ ist eine gemeinsame Aufgabe. Es liegt in der Eigenverantwortung aller Institutionen, die Ergebnisse der Waldstrategie 2020+ bestmöglich in ihrem Wirkungsbereich zu berücksichtigen und umzusetzen. Die Waldstrategie 2020+ ist die elementare Grundlage für die österreichische Waldpolitik und hilft bei der Ausrichtung bestehender hoheitlicher und sonstiger waldpolitischer Instrument


Zielsetzung der Waldstrategie 2020+

Hauptziel der Waldstrategie 2020+ ist die ausgewogene Sicherstellung und Optimierung aller Dimensionen der nachhaltigen Waldbewirtschaftung mit einem besonderen Fokus auf den Mehrwert und das Potential der österreichischen Forst- und Holzwirtschaft für ein „lebenswertes Österreich“. In diesem Sinne soll die Waldstrategie 2020+ dazu beitragen, die multifunktionalen Leistungen des Waldes für die jetzigen und zukünftigen Generationen zu sichern


Erwartungen an den Österreichischen Wald

Die Erwartungen und Ansprüche an den österreichischen Wald sind immens und oft auch divergierend. Er soll genügend Holz liefern als nachwachsender Rohstoff und Energieträger für expandierende Märkte. Er soll unsere Täler vor Lawinen, Steinschlag, Muren und anderen Naturgefahren schützen. Er ist ein Hort der biologischen Vielfalt, die sich möglichst frei entwickeln können soll. Er soll Kohlenstoff speichern, um zum Klimaschutz beizutragen und sauberes Trinkwasser bereitstellen und er soll als beliebter Erholungsraum und Kernelement jener Landschaft dienen, deren Schönheit alljährlich Millionen Touristen nach Österreich lockt. All das soll der Wald „nachhaltig“ erbringen, das heißt gleichzeitig, überall und auf ewige Zeiten. Dies klingt nach der Quadratur des Kreises und bedarf auch eines ausgeklügelten Konzepts und raffinierter Instrumente zur Realisierung. Waldpolitik handelt in erster Linie von Menschen, deren Eigentums- und sonstigen Rechte und Bedürfnisse zu respektieren sind und diesen bestmöglich nachzukommen ist.


Nachhaltige Waldbewirtschaftung ist in Österreich ein gelebtes Konzept

Österreich hat heute viel Wald, aber das ist kein Zufall. Noch Anfang des neunzehnten Jahrhunderts waren große Gebiete von Österreich weitgehend entwaldet, die vorhandenen Wälder oft in schlechtem Zustand. Die Gründe: Regionale Übernutzung, Viehweide im Wald, Streunutzung und so fort. Der heutige Waldreichtum Österreichs ist einer brillanten Idee und deren konsequenter Verwirklichung über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hinweg geschuldet. Das Konzept „Nachhaltigkeit“ ist ein Kind des Waldes, oder besser gesagt, eine Kreation von Menschen, die den Wald retten wollten, um auch zukünftigen Generationen die Holzversorgung langfristig zu sichern. Dieser strategische Ansatz kann in Mitteleuropa auf eine 300-jährige Geschichte zurückblicken. Es sind vor allem die vielen privaten WaldbesitzerInnen, die für den Zustand von achtzig Prozent des österreichischen Waldes verantwortlich zeichnen. Dies sind zum großen Teil Familienbetriebe, wo der Wald von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein zentraler Faktor für den Erfolg aller Bemühungen, Nachhaltigkeit im Wald voranzutreiben, ist daher die Akzeptanz und Motivation der WaldbesitzerInnen sowie die volle und rechtzeitige Einbindung derselben in alle Wald-relevanten politischen Prozesse. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Anerkennung von Leistungen und deren faire finanzielle Abgeltungen.


Ständige Herausforderung

Neben der gesetzlichen Dimension der nachhaltigen Waldbewirtschaftung ist deren Sicherstellung ständige Herausforderung. Um die nachhaltige Waldbewirtschaftung in Österreich auch praktisch umzusetzen müssen 10 Komponenten zusammenspielen:
1. Ein breit getragenes Bekenntnis zur umfassenden Nachhaltigkeit im Wald
2. Die Wahrung und Sicherung der Eigentums- und Nutzungsrechte
3. Die Berücksichtigung gesellschaftspolitischer Interessen, unter anderem durch eine systematische Bürgerbeteiligung in Politikentwicklung und –umsetzung
4. Ein solider gesetzlicher Rahmen
5. Eine effiziente institutionelle Struktur
6. Ein gut balanciertes Finanzierungssystem
8. Ein kluges Monitoring- und Informationssystem
9. Eine umfassende Kenntnis der ökologischen, ökonomischen und sozialen Zusammenhänge und Detailfragen
10. Die ausreichende Ausstattung mit entsprechend geeignetem Fachpersonal
Das Nachhaltigkeitskonzept für Österreichs Wald ist damit auf letztem Stand und in den Köpfen und Prozessen, die für die Erhaltung und Bewirtschaftung des Waldes maßgeblich sind, gut verankert. Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft sind die drei Säulen der Nachhaltigkeit. Die vierte Dimension ist der Faktor Verantwortung, die Einsicht, dass unser heutiges Tun die Möglichkeiten nachfolgender Generationen determiniert. Im Bestreben, alle Wünsche und Interessen an den Wald bestmöglich zu berücksichtigen, sind Konflikte vorprogrammiert. Oft steht Holznutzung versus Naturschutz, Wild versus Wald, Holznutzung versus Kohlenstoffspeicherung, Holz für Energie versus Holz für Papier, Business versus Idylle und so fort. Dafür braucht es ausgeklügelte Instrumente und guten Willen von allen Seiten, um auf einen sinnvollen gemeinsamen Nenner zu kommen. Dabei ist zu beachten, dass die jeweils bestehenden Rechte in vollem Umfang gewahrt bleiben und die unterschiedlichen Bedürfnisse nach erfolgtem Interessenausgleich bestmöglich erfüllt werden.
Der Blick auf diese Anforderungen macht klar, dass das Konzept der nachhaltigen Waldbewirtschaftung nicht statisch ist, sondern laufend vertieft und weiterentwickelt werden muss. Um Nachhaltigkeit für den Wald langfristig zu garantieren sind ad-hoc Lösungen nicht ausreichend. Es bedarf einer strategisch orientierten Waldpolitik mit Blick auf die Zukunft, die jetzt die richtigen strategischen Schwerpunkte setzt, um für die künftigen Herausforderungen gerüstet zu sein.


Autor: Maierhofer
06.07.2016, 12:10 MEZ

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