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Urwald © Redgrößer

Urwald als Lernobjekt für die naturnahe Waldbaupraxis – am Beispiel des Urwalds Pečka (Slowenien)

von Mag. Farnc Ferlin und Dipl.-Ing. Mag. Peter Herbst

Die Urwälder Sloweniens bieten sich als ideale Lernobjekte für Fachleute, sowohl hinsichtlich verbesserter naturnaher Waldbaupraktiken wie auch Erhaltung der Waldhabitate an.

Sie wurden jedoch bisher vorwiegend zu Forschungszwecken aufgesucht, nur selten auch im Rahmen universitärer Ausbildung und von Studienreisen. Daran hat sich auch in Zeiten eines sehr dichten Natura 2000 Netzwerks, zu dem die Urwälder, Waldreservate und andere Waldhabitate Sloweniens gehören, nichts geändert. Ziel dieses Artikels ist es, am Beispiel des unterkrainischen Urwalds Pečka, den Urwald mit seinen Entwicklungscharakteristiken als optimales Lernobjekt für naturnahe Waldbaupraxis darzustellen und die urwaldbezogene Aus- und Weiterbildung von Waldbewirtschaftern, Forsteinrichtern wie auch Natura 2000 Managern zu propagieren.


Über slowenische Urwälder

Über slowenische Urwälder haben schon viele Fachleute geschrieben. Heute gibt es in Slowenien 14 Urwaldreservate, mit Gesamtfläche von 514 ha unberührten Waldes (Nagel et al., 2012). Die Mehrzahl davon (10 Reservate mit zusammen 422 ha) befindet sich im dinarischen Gebiet, wobei sechs dieser Reservate auf Flächen des damaligen Großwaldbesitzes des Fürsten Auersperg im Südost-Teil Sloweniens liegen. Diese Wälder wurden in den Jahren 1892 und 1894 auf der Grundlage erster Forsteinrichtungsoperate, erstellt vom Auersperg‘schen Forstmeister Dr. Leopold Hufnagl, formell außer Nutzung gestellt. Ihre ursprüngliche Waldfläche von 305 Hektar verringerte sich bis in die Fünfziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts auf die heutige Größe von 219 Hektar. Einer der schönsten und berühmtesten dinarischen Urwälder ist der Buchen-/Tannen-Urwald Pečka, mit einer Fläche von 60 Hektar. Er befindet sich am nördlichen Rande des Waldmassives von Rog, im Waldbereich Novo Mesto, auf Seehöhen zwischen 800 bis 900 m.  


Pečka, Urwaldcharakteristiken

Der Urwald Pečka stellt sich heute als stark buchenlastiger dinarischer Buchen-/Tannen-Wald mit einem Holzvorrat von durchschnittlich 704 Vfm/ha, mit einem Anteil von 87% Buche und nur 12.5% Tanne (Abb. 1). Er befindet sich überwiegend in der Verjüngungsphase, die vor allem durch zwei stärkere Windwürfe in letzten 30 Jahren eingeleitet wurde. Neben Buche und Tanne gibt es sehr wenig (< 1%) Fichte und Ahorn. Folgt man dem – leider verlorengegangenen - Operat aus dem Jahr 1893, befand sich der Urwald vor 120 Jahren in der Optimalphase, mit einem Vorrat von mindestens 942 Vfm/ha, davon rund 58% Tanne und nur 42% Buche. Der Tannen-Anteil fiel seither stetig, betrug 1953 nur mehr 51%, fiel bis 1973 auf 43% und bis 1993 auf 23% des Vorrats, während der Buchen-Anteil gegenläufig anstieg. Ein drastischer Baumartenwechsel im Urwald Pečka von der Tanne zur Buche ist daher offensichtlich und prägend. Ganz anders übrigens im benachbarten Tannen-/Buchen-Urwald Rajhenav, wo Anteil der Tanne in der Periode 1893 - 1967 von 27% auf 61% des Vorrats anstieg und erst nachher wieder abzunehmen begann.   Der Holzvorrat hat in den letzten 120 Jahren stetig abgenommen, gesamt um ein Viertel. Bis 1953 fiel er auf 853 Vfm/ha, bis 1973 auf 800 Vfm/ha und bis 1993 auf 717 Vfm/ha (Abb. 1). Zum stärksten Rückgang kam es während der Periode 1973 - 1993, während der insbesondere der Tannen-Anteil am stärksten zurückging. Dies wurde durch intensives Tannensterben beschleunigt. Seit 1993 verlangsamte sich der Vorratsabbau deutlich, um nach 2003 überhaupt zum Stillstand zu kommen. Dieser Trend ist im Wesentlichen auf die gute Vitalität und Resilienz der Altbuchenpopulation, begünstigt durch die gegenwärtig weit verbreitete Verjüngungsphase mit reichlichem Lichtangebot, zurückzuführen.


Die Vorratsstruktur weist gegenwärtig eine symmetrische Gauß’sche Verteilung nach BHD-Stufen mit dem Maximum zwischen 52,5 und 72,5 cm auf (Abb. 2), welche sich aus der früheren, links asymmetrischen Verteilung entwickelte. Das ist ein Hinweis auf uniforme Bestandesstrukturen, die auf die Buche, welche von der 3. bis zur 19. BHD-Stufe (dabei handelt es sich um 5 cm – Stufen) stark dominiert, zurückzuführen sind. Die Tannen-Verteilung hingegen ist rechts-asymmetrisch, sehr flach und anders geformt.
Die Stammzahl befindet sich gegenwärtig im Übergang von einer eingipfligen zu einer J-Verteilung (Abb. 2), was auf den Anwuchs der neuen Population hinweist. Das gilt aber nur für Buche. Die Tannenstammzahl-Verteilung ist zwar auch J-förmig, mittelstarke und dünne Bäume sind jedoch stark unterrepräsentiert. Die dünnen Tannen befinden sich im Druckstand und sind bereits - dendrochronologischen Untersuchungen des Autors (Ferlin, 2002) zufolge - zwischen 150 und 230 Jahre alt. Die Tanne hat sich also während der letzten 120 Jahre praktisch nicht verjüngt, was aber insbesondere auf Wildschäden, welche seit 1953 dokumentiert werden, zurückzuführen ist. So trifft man immer wieder einjährige Tannen-Keimlinge an, die jedoch regelmäßig bereits im Folgejahr verschwunden sind. Die wenigen Tannen-Anwärter, die diesen Untersuchungen zufolge noch immer vital sind, stellen daher die einzige Möglichkeit für den zukünftigen Erhalt dieser Schlüsselbaumart dar.


Praktische Lernaspekte und Methoden

Was macht die unterkrainischen Urwälder nun so besonders für die praktische Aus- und Weiterbildung von Forstleuten? Neben einer allgemeinem Vertiefung des Verständnisses für Walddynamiken durch einfache Beobachtung der eindrucksvollen Waldbilder kann man insbesondere die Entwicklung der Buchenverjüngung unter Schirm, Auswirkungen unterschiedlicher Konkurrenzverhältnisse in der Buchendickungsphase, Umsetzungsmöglichkeiten von Tannen-Anwärtern sowie Bestandsprofile der Plenterphase beobachten, analysieren und präsentieren.  


Den Urwaldbeobachtungen kann man praktischerweise solche aus naheliegenden, weitestgehend vergleichbaren Wirtschaftswäldern gegenüberstellen. Und dann im Wirtschaftswald gleich auch selbst praktisch, die Urwalderkenntnisse umsetzend, eingreifen, etwa im Rahmen eines Trainingskurses zur Analyse und Pflege von Buchendickungen, Analyse, Auslese und Durchforstungsmaßnahmen in Buchenstangenhölzern oder auch Analyse und Maßnahmen im Tannen-/Buchen-Plenterwald.

Der direkte praktische Vergleich von Wirtschaftswald und Urwald führt zwangsläufig zu Fragen der naturnahen Waldbewirtschaftung, wie etwa Techniken der Naturverjüngung und Pflege samt zugrundeliegenden Waldbausystemen.


Rundgänge, Trainings, Studienreisen

Ziel ist, durch möglichst umfassenden Erfahrungsaustausch das umfangreiche gesammelte Wissen aus diesen Urwäldern, insbesondere auch im Hinblick auf seine praktische Anwendbarkeit in Wirtschaftswäldern, einer breiten forstlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck bietet der Autor www.ferlinforestconsult.com Rundgänge wie auch Trainingsmodule im Urwald Pečka, aber auch anderen slowenischen dinarischen Urwäldern an. Zum Angebot gehören auch Rundreisen durch die schönsten und berühmtesten dinarischen Urwälder des Westbalkans, wie etwa dem Tannen-/Buchen-Urwald Čorkova uvala (National Park Plitvice, Kroatien), dem Tannen-/Fichten-/Buchen-Urwald Perućica (National Park Sutjeska, Bosnien und Herzegowina) oder dem Buchen-Urwald Biogradska Gora (National Park, Montenegro).


Autoren Mag. Farnc Ferlin, Forest Consulting and Education, s.p., Slowenien, www.ferlinforestconsult.com, ferlin.franc@gmail.com DI Mag. Peter Herbst, Forstsachverständiger und Jurist, hp@net4you.at


Autor: Maierhofer
11.10.2016, 15:21 MEZ

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