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Alles außer Fichte

Klimawandel setzt tschechischen Wäldern zu

Viel ist derzeit von den hohen tschechischen Rundholz-Exporten die Rede. Österreich importierte allein in den ersten fünf Monaten 1,4 Mio. fm. Das sind um über 40 % mehr als im Vorjahr. Ein Hauptgrund für die Steigerungen ist das starke Schadholzaufkommen im Nachbarland.

Exkursion-Maehren-2018 © Gerd Ebnergrößer Der Jahreseinschlag 2018 der tschechischen Staatsforsten Lesy CR in den vier hauptbetroffenen mährischen Revieren wird den ökologischen Hiebsatz um das Fünffache übersteigen. In diesen Krisenrevieren geht es nur noch darum, dass es zu einer Beschattung der kahlen Waldflächen kommt. Viel zu trockene Jahre und sehr hohe Sommertemperaturen haben dort nicht nur die Fichte an die Grenze ihre Möglichkeiten gebracht. Allein im Juli waren es fast 700.000 fm Käferholz in den gesamten Lesy CR – das ist der höchste Anfall überhaupt. Mitte August hatte der Autor Gelegenheit, unter anderem zusammen mit dem interimistischen Lesy CR-Generaldirektor, Tomáš Pospíšil, ausgewählte Schadflächen im hauptbetroffenen Nordost-Mähren zu besichtigen.


Sahelzone mitten in Mähren

Der erste besuchte Standort gehört zu den Militär-Staatsforsten. Diese mussten in den vergangenen drei Jahren 3 Mio. fm Schadholz hinnehmen, was dem fünf- bis sechsfachen Jahreseinschlag entspricht. Seit 1994 ging der Jahresniederschlag von durchschnittlich 750 mm sukzessive zurück. Trauriger Tiefpunkt war 2014 mit nur noch 350 mm. Das ist weniger als in der Trockensavanne der Sahelzone (500 mm/J). Das heurige Jahr entwickelt sich ähnlich katastrophal. Diese langen Phasen der Dürre habe es bisher nie gegeben, informierten die tschechischen Gastgeber.


Nächstes Jahr tot

Die Fichte zeigte in den vergangenen Jahrzehnten auf 600 bis 1000 m Seehöhe ein gutes Wachstum. „Nun stirbt sie flächig in allen Altersklassen“, bedauert Josef Svoboda, Kommunikationsverantwortlicher der Lesy CR. Die Fichten weisen zuerst Trockenschäden auf und sind – bis auf eine dürre Krone – noch grün benadelt. In diesem Zustand haben die Bäume aber nicht mehr genug Vitalität, um Insekten (primär Buchdrucker, zunehmend auch den Nordischen Fichtenborkenkäfer (Ips duplicatus)) oder Pilze (vor allem Hallimasch (Armillaria)) abzuwehren. „Bäume, die in diesem Sommer gelbliche Kronen haben, sind zu 100 % im kommenden Jahr tot“, weiß Pospíšil. „Der Point of no Return ist dann bereits überschritten.“ Trotz dieses Wissens bleibt das Holz stehen, weil bereits der fünffache Hiebsatz genutzt wird.

Die sehr hohen Sommertemperaturen und der ausbleibende Niederschlag setzen aber auch der Lärche, Eiche und Buche zu.


Tanne vital, ohne Chance gegen Wild

Das Gebiet war gemäß Pollenanalysen aus dem 13. Jahrhundert zu 90% von Tannen bedeckt. In den höheren Altersklassen sieht man diese nur noch vereinzelt. Der hohe Wildstand verunmöglicht eine natürliche Verjüngung dieser weiterhin vitalen Baumart.

Auf der besuchten Fläche der Militärforste ist der Fichtenanteil von 66 % 2003 auf mittlerweile unter 40 % gesunken. Über sehr viele Hektar wird schematisch aufgeforstet: eine Reihe Kiefer, eine Reihe Eiche. Über 500 m Seehöhe gab es früher keine Eiche, jetzt ist sie dort aber vital. Im Jahr nach der Pflanzung sieht man keine unverbissenen Eichen. In einer gezäunten Referenzfläche zeichnen sich die Folgen eines zu hohen Wildstandes ab – dort wachsen die Jungpflanzen.


Neue Regeln für mehr Vitalität

Anders werden die Lesy CR-Flächen bewirtschaftet. Die Folgen der Klimaerwärmung spüren die Lesy CR seit fast 15 Jahren. Deren nunmehrige Erkenntnisse:

  • Ausnutzung vorbereitender Baumarten: Unter dem Schirm (von meistens Pionierbaumarten) wird der neue Wald begründet.
  • Nie auf nur eine Baumart setzen. Gruppenweise mit mehreren Baumarten begründen.
  • Strukturierte Wälder sind stabiler als Altersklassenwälder.
  • Tunlichst wenige Eingriffe in der Jugend, um Bestandesinnenklima zu erhalten.
  • Wildstand muss reduziert werden, sonst haben wichtige Baumarten, wie Tanne oder Eiche, keine Chance.
  • Selbst „fremdländische“ Baumarten, wie die Sudetenlärche, müssen verwendet werden, wenn sie vital im Bestand sind.
  • Dauerwald als Idealzustand, weil ausgeglichenes Bestandesinnenklima keine Kahlschläge


Neue forstliche Welt

„Die Folgen des Klimawandels versetzen uns forstlich in eine neue Welt. Waldbauliche Rezepte, die bisher galten, seien nun obsolet“, ist Pospíšil realistisch. Was jetzt auf den geschädigten Lesy CR-Flächen passiert, ist nicht immer durch das tschechische Forstgesetz gedeckt. Letzteres verlangt binnen zwei Jahren eine Neuaufforstung. Derzeit belässt man aber jeden überlebenden vitalen Baum und wartet auf anfliegende Naturverjüngung. „Wir bemühen uns um strukturierte, vitale Bestände mit bis zu zehn Baumarten“, gibt Pospíšil vor.


Fichte – vom Optimum zum Absterben

Auf der besuchten Lesy CR-Fläche verjüngt sich Fichte natürlich. Von einem bisher „extrem wüchsigen“ Fichtenstandort weiß Svoboda zu berichten – jetzt hat die Fichte hier enorme Probleme. Sie wird hier von der sehr vitalen Lärche, von Birke, Eiche, Eberesche, Aspe, Erle, Grauerle und Hainbuche begleitet. „Das ergibt eine völlig neue Baumartenmischung. Wir haben nun vor, etwa alle sechs Jahre manuell einzugreifen – nicht, um Z-Bäume auszuzeigen, sondern kranke zu entfernen“, erklärt Svoboda. Wo im Altbestand die Tanne vorkommt, ist diese noch vital – trotz der Trockenheit. Vielleicht müssen nicht nur bisherige waldbauliche Regeln, sondern auch unser Baumartenwissen revidiert werden.


  • Niederschlag: dramatisch gesunkener Jahresniederschlag (von 700 auf 350 mm/J) bei gleichzeitig ungünstiger Jahresverteilung (trockene Sommer)
  • Temperaturanstieg: mit sehr heißen Sommern
  • Mangelndes Problemverständnis: Forstliche Reaktion war vielfach gering und zu spät.
  • Falsche Baumartenwahl: (zu viel Fichte): deutliche Abweichung von natürlicher Waldgesellschaft (teilweise 90 % Tanne)


Lesy Ceske Republiky (Lesy CR)

Waldfläche: 1,2 Mio. ha
Einschlag: 7 Mio. fm/J
Zuwachs: 9,7 Mio. fm/J


Autor: Gerd Ebner
04.09.2018, 08:04 MEZ

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