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Wald und Tourismus als Motor der Entwicklung des ländlichen Raums

Geht die Regionalentwicklung auf Kosten der Waldeigentümer?

von Dipl.-Ing. Gottfried Hinteregger, Guttenberg´sche Forstverwaltung Radmer

Diese provokante Frage lässt sich sicher nicht allgemeingültig beantworten. Am Beispiel der drei Gemeinden im Bereich des Tagungsortes soll die Fragestellung von mehreren Seiten beleuchtet werden. Tatsache ist, dass Bevölkerungsabnahme und Überalterung auch Auswirkung auf den Forstbetrieb haben.


Die Region Eisenerz (gemeint sind die Stadtgemeinde Eisenerz, Marktgemeinde Vordernberg und Gemeinde Radmer) ist nach den Daten der Landesstatistik Steiermark das negative Aushängeschild des Bundeslandes. Bei Betrachtung von Merkmalen wie Überalterung, Bevölkerungsabnahme, Erwerbsquote, Kinderanzahl je Familie oder Haushaltsgröße scheinen unter den (negativen) Top drei-Gemeinden steiermarkweit immer wieder diese drei Namen auf.

Während 1971 noch rund 15.300 Menschen in der Region ansässig waren, hat sich dieser Wert bis 2018, also in nicht einmal 50 Jahren, um rund zwei Drittel auf rund 5.650 Einwohner reduziert. Eine Prognose zur Bevölkerungsentwicklung 2015-2030 (abrufbar auf GIS-Steiermark) stellt je nach Gemeinde eine weitere Abnahme um 15 bis 35% in den Raum.
1.650 in der Region angebotene Arbeitsplätze (inkl. Geringfügigkeit) stehen 2.200 wohnhaften Erwerbstätigen gegenüber. Die Folge ist eine hohe Rate (>50%) an Auspendlern. Überraschenderweise werden gleichzeitig die in der Region angebotenen Arbeitsplätze zu einem Gutteil (~580) von Einpendlern abgedeckt. Es scheint trotz hoher Pendlerrate ein Mangel an Fachkräften vorzuherrschen.


Die bestehende Verkehrsinfrastruktur mit einer einzigen Durchzugsstraße kann als unzureichend bezeichnet werden. Die Engstellen Ortsdurchfahrt Vordernberg sowie Gesäuseeingang Admont wirken wie Nadelöhre, hängenbleibende Last- und Personenkraftwagen auf dem Passübergang über den Präbichl stehen im Winter auf der Tagesordnung. Trotzdem ist die Verbindung beliebte Ausweichroute für „Mautflüchtlinge“ und stellt die ortsansässige Bevölkerung, auch aufgrund mangelnder Überholmöglichkeiten, oftmals hart auf die Probe. Die Eisenbahnverbindung über den Präbichl wurde bereits 1988 eingestellt. Busverbindungen Eisenerz-Leoben verkehren zwar im zwei-Stunden-Takt, als Radmerer muss man jedoch zuvor ein Sammeltaxi (Ruftaxi) in Anspruch nehmen.
Die Kinderbetreuung (Kindergarten, Tagesmütter, etc.) in der Region ist in Abhängigkeit zur Herkunftsgemeinde als schwierig bis ausreichend zu bezeichnen. Während in Eisenerz – mit einer langen Warteliste – auch Ganztagsbetreuung angeboten wird, ist im abgelegeneren Radmertal lediglich (noch) Halbtagsbetreuung möglich. Das hindert viele Menschen, einer geregelten (Teilzeit‑)Arbeit nachzugehen. Gemeinsam mit der Schließung der Volksschulen Radmer, Hieflau und Vordernberg lässt sich zu einem Gutteil auch die steiermarkweit niedrigste Kinderanzahl je Familie erklären. Sofern es im Einflussbereich der Gemeinden liegt, bemühen sich diese jedoch nach Kräften um den Erhalt und Verbesserung von Standorten.
Mit der Schließung des Krankenhauses Eisenerz, und den Schließungsdisskussionen UKH Kalwang (AUVA) im Zuge von Einsparungsforderungen verschlechterte sich auch die medizinische Versorgung in der Region. Die Errichtung eines Gesundheitszentrums in Eisenerz lässt Viele auf Besserung hoffen.


Warum soll das vorgenannte für einen Forstbetrieb relevant sein? Immerhin ist die Branche als konservativ bekannt und je weniger Menschen in einer Region wohnen, umso mehr Ruhe sollte ein Waldeigentümer in seinem Wald haben? Die Kehrseite ist allerdings, dass die regionale Konkurrenz um den knapper werdenden Rohstoff Mensch (Arbeitskräfte) bedingt durch Abwanderung und Überalterung steigt, Auswahlmöglichkeiten für alle Arbeitgeber sinken und die Kosten der „Rohstoffbeschaffung“ (Gehälter, Boni) steigen. Die unzureichende Infrastruktur erleichtert auch nicht gerade die Entscheidung, als zukünftige(r) Mitarbeiter(in) in der Region ansässig zu werden und erzwingt in Familienfragen (Partnereinkommen, Kinderwunsch vs. Kinderbetreuung) oftmals schwierige Entscheidungen. Während andere Betriebe durch Verlegung des Standortes dem entgegenwirken können, steht diese Option einem Forstbetrieb nicht zur Verfügung. Alltägliche Wege (z.B. Bank, Post) sind aufgrund von Standortschließungen mit erhöhtem Zeitaufwand und damit Kosten für Arbeitgeber verbunden.

„Keine“ Regionalentwicklung geht somit jedenfalls (auch) irgendwann auf Kosten des Waldeigentümers.


Vielfach wird als möglicher Ausweg aus der Misere die Forcierung des touristischen Angebotes in der Region gefordert. Nachdem mehr als 80% der betrachteten Gemeinden bewaldet ist, ist es schlüssig anzunehmen, dass eine touristische Entwicklung ohne das Mitwirken der Waldeigentümer nicht gelingen könne. Dir. Georg Bliem (Planai-Hochwurzen-Bahnen) hat in seinem Vortrag gezeigt, dass für 80% der Touristen die Landschaft ein Entscheidungskriterium ist. Ein Forstbetrieb kann seinen Wald nicht „verstecken“, dieser ist von jedermann, auch auf weite Entfernung einsehbar und landschaftsbeeinflussend. Keine Einsicht besteht hingegen in den Büroablauf des Forstbetriebes. Persönliche Interessen der Waldeigentümer decken sich ungeahnt oft mit Interessen der Öffentlichkeit. Die Erhaltung von Wegmarterln und abgelegenen Hütten in der Landschaft eingebetteter Bauweise (z.B. Schindel- vs. Blechdach) sind mit Kosten verbunden. Die Bekämpfung und der Bekämpfungserfolg von Neophyten werden öffentlich kaum wahrgenommen. Freiwillig und entschädigungslos außer Nutzung gestellte Waldteile verursachen Opportunitätskosten. Sollte ein Waldeigentümer eine Anfrage zur Errichtung einer weithin sichtbaren Windkraftanlage auf seinem Grundeigentum erhalten und diese aus persönlichem Interesse ablehnen, wird das der Öffentlichkeit kaum bekannt werden. Was passiert, wenn der Waldeigentümer seine Einstellung ändert oder ändern muss? Schließlich muss er nicht nur sein finanzielles Auslangen finden, sondern er bietet auch Einkommen für seine Angestellten und deren Familien. Beispiele für die Aufschreie der Öffentlichkeit sind durchwegs bekannt. Diese der Masse überwiegend unbekannte Rolle als Landschaftsbewahrer wird unentgeltlich und als Selbstverständlichkeit in Anspruch genommen. Letztendlich machen die landschaftlichen Schönheiten und Besonderheiten die Region auch zum beliebten Drehort für zahlreiche Spielfilme und Musikvideos


In der Region Eisenerz bestehen vielzählige, teils einzigartige und herausragende touristische Angebote. Am Erzberg finden regelmäßig Veranstaltungen statt, als bekanntestes Beispiel sei hier das Erzbergrodeo mit internationalen Teilnehmern und Besuchern genannt. Mit dem Schigebiet Präbichl und dem Nordischen Zentrum in der Eisenerzer Ramsau bestehen auch Möglichkeiten der Nutzung im Winter. Für Schlechtwettertage stehen unter anderem ein Hallenbad, das Kupferschaubergwerk Radmer, der weltweit einzige vollständig erhaltene Holzkohlehochofen in Vordernberg, die Nostalgiebahn „Erzbergbahn“ und mehrere besondere Höhlen zur Verfügung. Mit (auszugsweise) dem Nationalpark Gesäuse, Unterhaltungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder (Geowerkstatt Gams), die Wasserlochklamm Palfau oder die Abenteuerwelt Mautern (Der Wilde Berg) sowie dem Stift Admont als kulturelles Zentrum bestehen auch im näheren Umland einige Attraktionen. Abgerundet ist das regionale Angebot mit Möglichkeiten zum Klettern, Canyoning, Rafting, Wandern und Mountainbiken.
Die letztgenannten Angebote betreffen im Wesentlichen Waldeigentümer. Am „beliebten“ Beispiel Mountainbiken sollen hier Erfahrungen gezeigt werden, die aber durchaus auch auf andere Angebote übertragbar sind: Sofern man wiederholte Anfragen für solche Grundinanspruchnahmen unter stetig steigendem Druck vehement zurückweist, besteht irgendwann die Möglichkeit, dass man – wenn auch nur von Einzelnen – als Verhinderer und für den Niedergang einer Region mitverantwortlich gemacht wird. Gleichzeitig bindet illegales Radfahren Arbeitskapazität (Aufklärungsgespräche im Wald), steigendes Aufkommen illegaler Radfahrer führt zu Demotivation und Demoralisation der Mitarbeiter und stellt für sie bei einzelnen Gesprächspartnern eine nicht unerhebliche psychische Belastung dar.


Die Lösung scheint die Öffnung ausgewählter Forststraßen zu sein. Sinnvolle MTB-Strecken führen nicht in Stichwege, sondern folgen Hauptabfuhrwegen und sind als Rundwege angelegt. Oft ist die Zusammenarbeit mehrerer Gemeinden und Waldeigentümer nötig. Die Konkurrenz zu weiteren Nutzungsarten erschwert eine für alle gangbare Lösung. Als konträres Paradebeispiel sei die Verpachtung des Jagdgebietes genannt. Die Obersteiermark, insbesondere die Region um Eisenerz, ist über die Grenzen hinaus als ausgezeichnetes Jagdgebiet bekannt. Nicht zuletzt spielte die Jagd in der Region seit jeher als ehemaliges kaiserliches Jagdgebiet eine wichtige Rolle. Neben den verfügbaren Abschüssen wirken sich Ruhe und unberührte/kaum berührte Natur direkt auf die Höhe des Pachtschillings aus. Exklusivität hat – als knappes Gut – eben ihren Wert und wird auch entsprechend bezahlt. Reduktionen der Jagdpachterträge durch „Tourismus bis in den letzten Winkel“ können nicht durch Nutzungsentgelte ausgeglichen werden. Im Gegenteil sind diese selten ausreichend, um den Folgeaufwand und Erschwernisse in der forstlichen Bewirtschaftung abzudecken. Wenn auch im Regelfall der Betreiber der MTB-Strecke (eine jederzeit erreichbare direkt zuständige Ansprechperson muss unbedingt festgelegt werden) die Haftung für den Zustand und die Sicherheit der MTB-Strecke im Wege von Versicherungen übernimmt, so liegt es doch im Aufgabenbereich des Waldeigentümers, diesen über nötig gewordene Sperren rechtzeitig zu informieren.
Der (Zeit‑)Aufwand für Kommunikation steigt mit der Anzahl der Beteiligten (Nachbarn, Gemeinden). Gleichzeitig hat sich das simple Aufstellen von forstlichen Sperrgebietstafeln als nicht zielführend erwiesen, da diese teils ignoriert oder sogar umgeworfen werden und in letzterem Fall für nachfolgende Radfahrer die Gefährdung nicht erkennbar ist. Die durch größere Waldbesucherfrequenz noch höher zu wertende Sorgfaltspflicht des Waldeigentümers ist nicht zu vernachlässigen (Steht die Sperrgebietstafel noch?). Illegale Nutzungen (Verlassen von freigegebenen Strecken) werden trotz Freigabe geschehen. Die bewusste Öffnung von ausgewählten Forststraßen lässt auch den Druck auf benachbarte Waldeigentümer steigen, es gleich zu tun.


Gegenüber direkte Nutznießer der touristischen Entwicklung ist der Waldbesitzer im Regelfall ertragsseitig im Nachteil. Neben dem Handel profitieren Gasthäuser und private Unterkünfte von höheren Nächtigungszahlen. Je nach Personalauslastung im Forstbetrieb ist es jedoch denkbar, dass Angebote (z.B. Vermietung von Hütten) kostendeckend dargestellt und damit Arbeitsplätze in der Region erhalten/gefördert werden können. Chancen und Risken müssen im Einzelfall abgewogen werden.
Letztendlich muss man sich die Frage stellen, ob man einen fahrenden Zug wieder aufhalten kann? Während der typische Mountainbiker vor 25 Jahren sich durch körperliche Fitness auszeichnete (schwere, verstärkte Stahlkonstruktion) und später erste Erleichterungen durch Aluminiumrahmen angeboten wurden, zeigt die aktuelle Entwicklung (Unterstützung durch elektrischen Hilfsmotor) eher die finanzielle Fitness des Sportlers. Mountainbiken hat sich von einer Randsportart zum kindertauglichen Breitensport entwickelt, in jeder Region bestehen legale Angebote.
Für eine touristische Regionalentwicklung scheint es sinnvoller zu sein, nicht substituierbare Besonderheiten der Region zu vermarkten. „Allerweltsangebote“, wie das Mountainbiken, dienen lediglich als Ergänzung/Abrundung und werden in den seltensten Fällen direkte Auswirkung auf die touristische Entwicklung haben. Allerdings erhöhen diese „Allerweltsangebote“ die Lebensqualität im ländlichen Raum und fördern als Naherholungsmöglichkeit die Freizeitwirtschaft und Verbundenheit der Bevölkerung mit der Region.


Autor: DI Gottfried Hinteregger
22.09.2018, 11:46 MEZ

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