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Der Ausweg heißt Vielfalt

Auf der diesjährigen Österreichischen Forsttagung, die vom 22. bis 24. Mai im steirischen Seckau stattfand, drehte sich alles um den Klimawandel. Unter dem Tagungsmotto „Wälder im Klimastress – Strategien für die Forst- und Holzwirtschaft“ tauschten sich Forstleute aus ganz Österreich und dem benachbarten Alpenraum drei Tage lang bei Vorträgen und Podiumsdiskussionen, auf Exkursionen und in informeller Runde über Lösungsansätze in der Klimakrise aus.

Forsttagung 2019_Wohlmacher © H. Schiffergrößer Der Klimawandel ist Realität. In kaum einer Branche wurde dies in den vergangenen Jahren so deutlich wie in der Forstwirtschaft. „Die Thematik ist im Alltag angekommen“, betonte Johannes Wohlmacher, Präsident des Österreichischen Forstvereins (ÖFV), in seiner Begrüßungsrede am malerischen Tagungsort, der Benediktinerabtei Seckau. Stürme, Starkregen und Hochwasser auf der einen, Dürre und Schädlinge auf der anderen Seite – zunehmend seien Forstleute nicht mehr Gestalter im Wald, sondern nur noch Getriebene, nur noch Aufräumer. Mehr denn je gelte es nun, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern Visionen und Strategien zur Lösung der Krise zu entwickeln. Dabei sei nicht nur die Forstbranche gefragt. Die Gesellschaft als Ganzes müsse sich kritisch mit ihren Vorstellungen vom Wald und seinen Funktionen auseinandersetzen. Eindringlich appellierte Wohlmacher auch an die Holzverarbeiter, sich der gemeinsamen Verantwortung bewusst zu werden und langfrist zu denken, anstatt der Versuchung der kurzfristigen Gewinnmaximierung zulasten der Urproduzenten zu erliegen. Damit war der Auftakt zum Konferenztag der Forsttagung am 23. Mai gegeben.


Zauberwort „Vielfalt“

Forsttagung 2019_Publikum © H. Schiffergrößer Als erster der beiden Hauptredner trat der Schweizer Professor Dr. Andreas Rigling ans Rednerpult, Leiter der Forschungseinheit Walddynamik an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. In seinem Vortrag „Forstliche Produktion – fit für den Klimawandel?“ fasste er zunächst den Kern der Klimaproblematik in den Wäldern zusammen: Steigende Jahresmitteltemperaturen, klimatische Extreme und damit verbundene biotischen Risiken bestimmten zunehmend die Waldentwicklung in Mitteleuropa. Die alpine Waldgrenze verlagere sich nach oben, was zusammen mit Nutzungsänderungen in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Nettozuwachs der Waldfläche im Alpenraum geführt habe (1983–2015 um 28%). Gleichzeitig deute sich jedoch eine neue, untere Waldgrenze an, die durch Trockenheit bedingt sei. Das im vergangenen Jahr in ganz Mitteleuropa beobachtete Phänomen des verfrühten Laubfalls („der Herbst begann im Sommer“) sei beispiellos. „Wir verlassen langsam den Erfahrungsraum“, so Rigling.

Das Zauberwort des Schweizers für die waldbauliche Anpassung an den Klimawandel heißt „Vielfalt“. Damit meint er nicht nur die so oft beschworene Vielfalt bei der Baumartenwahl, sondern auch genetische Vielfalt, strukturelle Vielfalt und Vielfalt der waldbaulichen Methoden.


Was die Baumarten betrifft, warnt Rigling vor einer Einengung der Diskussion auf die Probleme der Fichte. Der Dürresommer 2018 habe deutlich gemacht, dass auch Laubbaumarten wie die Buche, die gern als standortgerechter Fichtenersatz für tiefere Lagen propagiert wird, gefährdet seien. Als Alternativen zur Buche in diesen Lagen nennt der Forscher Eichen und andere wärmeliebende Laubgehölze, darunter auch (Halb-)Exoten wie Edelkastanie, Mannaesche und Robinie. Bezüglich alternativer Nadelgehölze warnt Rigling vor einer einseitigen Konzentration auf die Douglasie, deren Jungpflanzen ebenfalls dürreanfällig seien. Kiefern – vor allem die Schwarzkiefer – schnitten in diesem Punkt besser ab. Auf tiefgründigen Standorten sei die Weißtanne zu empfehlen. Auch Zedern könnten interessant sein. Zudem gelte es, die Biodiversität auf allen Trophieebenen zu erhöhen – auch unterirdisch.

In puncto Genetik spricht sich Rigling für die Kombination von Naturverjüngung und Pflanzung zukunftsfähiger Herkünfte aus. Was die methodische Vielfalt betrifft, empfiehlt er, mit alternativen Betriebsarten (Niederwald) oder -formen (Plenterwald) sowie unterschiedlichen Flächengrößen, Eingriffsstärken, Zieldurchmessern und Umtriebszeiten zu experimentieren. All diese Maßnahmen zielten auf eine Streuung oder Minimierung des Risikos ab. Die Anpassung des Waldbaus müsse zudem graduell erfolgen – und sie müsse heute beginnen.


Tanne und Douglasie: Brotbäume der Zukunft

Im zweiten Hauptvortrag – „Nadelholzwirtschaft im Klimawandel“ – präsentierte Dr. Thomas Knoke, Professor für Waldinventur und nachhaltige Nutzung an der TU München, die Ergebnisse ökonomischer Optimierungsstudien zur zukünftigen Baumartenverteilung, ausgehend von den aktuellen Hauptbaumarten Bayerns, in unterschiedlichen Klimaszenarien. Das Fazit des Forschers: Eine zukünftige Beschränkung auf Laubholz minimiere zwar das Risiko, reiche aber zum Erhalt der Wirtschaftlichkeit des Forstbetriebs nicht aus, da letztere mit dem Risiko sinke. Nadelhölzer, vor allem Douglasie und Tanne, seien für die Optimierung unerlässlich. Bei gesetztem Klimaszenario hänge die wirtschaftlich optimale Baumartenverteilung einerseits von der Gewichtung der Waldfunktionen, andererseits von der Risikobereitschaft des Waldbesitzers ab.

So ergebe sich für einen Forstbetrieb im Tertiären Hügelland bei rein ökonomischer Betrachtung und mittlerer Risikobereitschaft beispielsweise eine Verteilung von Dg 35%, Ta 21%, Fi 18% und Fi-Bu 26%. Bei stärkerem Fokus auf Multifunktionalität und gleichem Risiko werde daraus Dg 24%, Ta 9%, Fi 8%, Fi-Bu 14%, Bu 13%, Ei 7% und Totholzschwerpunkt 25%. Je größer die Risikobereitschaft, desto mehr lasse sich der Douglasienanteil gegenüber dem der Tanne steigern.


Praktische Beispiele

Dass der geforderte Waldumbau in Österreich vielerorts schon in vollem Gange ist, zeigte die Podiumsdiskussion gegen Ende des Konferenztages. Unter dem Titel „Blitzlichter“ gaben hier die Betriebsleiter von führenden Forstbetrieben des Landes – Hans Jörg Damm von der Stiftung Fürst Liechtenstein, Willibald Ehrenhöfer von Franz Mayr-Melnhof-Saurau, Bernhard Funcke vom Waldviertler Forstbetrieb der Österreichischen Bundesforste sowie Josef Haslinger, Staatspreisträger für beispielhafte Waldwirtschaft aus Lichtenberg (OÖ) – Einblick in ihre Bewirtschaftungskonzepte. Dabei wurde deutlich, dass viele der in den Hauptvorträgen angesprochenen Strategien zur Risikostreuung und -minderung bereits praktiziert werden.

Prof. Dr. Manfred Lexer, Leiter des Instituts für Waldbau an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), vertrat in dieser Runde die Wissenschaft. Aus seiner Sicht stellt neben der Diversifizierung auch die Standortkartierung, deren Methoden an seiner Hochschule laufend weiterentwickelt würden, einen zentralen „Hebel“ der forstlichen Anpassung an den Klimawandel dar. Lexer betonte den starken Anwendungsbezug der forstlichen Forschung an der BOKU sowie die enge Einbindung der Forstbranche in aktuelle Forschungsprojekte. Die Postershow am Rande der Tagung, in der Forscher der BOKU sowie des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW) ihre Projekte vorstellten, unterstrich diesen Punkt.

Ein vielseitiges Exkursionsprogramm am dritten Tag rundete die Forsttagung ab. Dabei konnten die Teilnehmer an verschiedenen Orten des Gastgeberbundeslandes Steiermark Eindrücke vom aktuellen Waldumbau und den damit verbundenen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen gewinnen.


Autor: Jörg Parschau
02.07.2019, 09:42 MEZ

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