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Holzgas ist keine "heiße Luft"

Von einem Ausbau der Holzenergienutzung profitieren alle Player am Markt. Immerhin hätten Holzprodukte ohne thermische Verwertung des Restholzes bei Weitem nicht den günstigen ökologischen Fußabdruck, den sich die Branche gerne auf die Fahnen hefte, meint Christoph Pfemeter vom Biomasse-Verband im Gespräch.

IV Pfemeter2 © Viennamotion KGgrößer Als Ende der 1990er-Jahre die Diskussion um die thermische Verwertung von Biomasse so richtig in Schwung kam, gingen die Meinungen darüber weit auseinander: Manche Forstexperten sahen ein Problem der reduzierten Nähstoffrückführung in den Waldboden, die Papierindustrie sah darin einen Sündenfall in der Frage ihrer Rohstoffversorgung. Heute ist sie für die Allgemeinheit und quer durch alle politischen Lager nicht mehr wegzudenken. In der gegenwärtigen Malaise um riesige Schadholzberge hat die Diskussion eine völlig neue Dimension erhalten. Darüber und über die Herausforderungen für die noch recht junge Szene der Biomasse-Energieanlagen sprach die Forstzeitung mit dem Geschäftsführer des Biomasse-Verbandes, Christoph Pfemeter.


Ende Juli hatten wir den „Welterschöpfungstag“. Welche Rolle kann Holzenergie unter den Erneuerbaren in Zukunft spielen – österreichweit bzw. auch international?

IV Pfemeter1 © Helmut Lunghammergrößer Die heimische Holzwirtschaft hat hier ein sehr gutes und beispielgebendes Konzept von der nachhaltigen Urproduktion bis hin zu langlebigen Holzprodukten. Holzenergie ist ein integrierter Bestandteil davon und in die gesamte Wertschöpfungskette eingebettet. Holzenergie ist sowohl international, europaweit als auch in Österreich die Nummer eins bei den erneuerbaren Energieträgern und kann Erdöl mittelfristig als bedeutendsten Energieträger ablösen. Die Vorteile der steuerbaren bzw. planbaren Bioenergie und der volatilen erneuerbaren Energieträger ergänzen einander sehr gut und führen in Summe zu einem kostengünstigen erneuerbaren Energiesystem. Eine Tonne Holz hat die gleiche Energiemenge wie 80 Elektroautobatterien gespeichert. Die Einsatzgebiete der Biomasse sind vielfältig und liegen im Wärme-, Strom- und Treibstoffbereich. Bioenergie ist ein Nebenprodukt der land- und forstwirtschaftlichen Urproduktion sowie der Holzverarbeitung – umso mehr Holz wir verwenden, desto mehr Biomasse steht für die Energiegewinnung zur Verfügung.


Der Anteil der Erneuerbaren am Bruttoinlandsverbrauch ist in Österreich immer noch geringer als jener von Öl. Wie stehen wir im internationalen Vergleich da? Was müsste geschehen, um die Erneuerbaren in die „Poleposition“ zu bringen? Wie e

Aus dem Erdöl rauszukommen, ist die eigentliche Herausforderung in der Energiewende, hier hat die Bioenergie sehr gute Lösungen zu bieten. Beim erneuerbaren Energieanteil liegen wir in Europa auf Platz 5, beim erneuerbaren Stromanteil auf Platz 1 und beim Anteil der Erneuerbaren im Verkehr auf Platz 3. Um in der Poleposition zu bleiben – Österreich ist in der Bioenergietechnologie weltweit führend – wir brauchen aber ambitionierte Ziele, sonst laufen uns andere Länder den Rang ab. Der „Raus aus dem Öl“-Bonus ist ein guter Anfang für den Raumwärmebereich, für die konsequente Umsetzung der Energiewende ist noch wesentlich mehr nötig. Im Europaranking liegen wir beim erneuerbaren Anteil im Raumwärmebereich auf Platz 10. Bis 2030 wollen wir 60% des Energiebedarfs im Land mit Erneuer baren decken. Parallel sollten wir aber mehr für die Senkung des Energiebedarfs tun.


Warum ist Österreich in Gefahr, trotz Technologieführerschaft bei der Green EnergyProduktion im internationalen Wettbewerb zurückzufallen?

Das eigentlich Schwierige ist der Ausstieg aus den „alten“ Energieformen. Hier gibt es immer noch enorme Verwerfungen am Markt. Der Abbau des Heizölprivilegs – der geringen Besteuerung von Heizöl im Vergleich zum chemisch praktisch identen Diesel – wäre ein wesentlicher Schritt im Wärmebereich. Wir gehen von 600.000 Ölheizungen in privaten Haushalten aus.


Welche Rolle kann hier erneuerbares Gas spielen? Wie energieeff izient ist die Holzvergasung dezentral beziehungsweise großtechnisch?

Erneuerbares Erdgas auf Basis fester Biomasse benötigt für österreichische Verhältnisse zwar große Anlagen, der Vorteil ist jedoch der brennstoffflexible Ansatz. Werden die Anlagen entsprechend ausgelegt, können sie nicht nur mit Waldrestholz, sondern auch agrarischen Reststoffen oder Klärschlamm betrieben werden. Bei der Vergasung mit Abwärmenutzung ist ein Gesamtwirkungsgrad von 80% erreichbar. Etwa 50 bis 60% des Energiegehaltes von Holz landen am Ende des Prozesses im Gas. Erneuerbares Gas ist ein Hightech-Produkt und sollte vor allem für Spitzenlast, stoffliche und energetische Industrieanwendungen und im Verkehr eingesetzt werden. In diesen Bereichen benötigen wir dringend weitere Alternativen zu Erdöl und fossilem Gas. Im Raumwärmebereich haben wir meist günstigere Lösungen zur Verfügung. Die Direktverfeuerung kommt in Brennwertgeräten auf nahezu 100% Wirkungsgrad. Die saisonale Speicherbarkeit, der überregionale Transport und die Nutzung vorhandener Infrastruktur machen das Gasnetz für die Energiewende interessant. Ein konsistenter Ausstiegsplan für fossiles Erdgas und die Reduktion des Gasverbrauchs auf ein Niveau, das mit Erneuerbaren gedeckt werden kann, ist Grundvoraussetzung für die Glaubwürdigkeit von Grünem Gas und die Vermeidung von Greenwashing-Vorwürfen. Ich denke, wir werden in den kommenden Jahren die ersten Vergasungsanlagen realisieren. Biogenes Gas wäre ja auch ein wichtiger Zwischenschritt zum biogenen Diesel. Die Technologie dafür gibt es schon. Auch hier ist Österreich Technologieführer.


Die derzeit anfallenden riesigen Schadholzmengen müssten für die Betreiber von Holzkraftwerken „Oberwasser“ bedeuten. Ist das so?

Nein. Die aktuellen Tarife sind für viele Kraftwerksbetreiber die absolute Untergrenze. Diese Tarife waren nur temporär gedacht und werden auch nicht valorisiert. Einen Förderanschub benötigen alle neuen Kraftwerksprojekte, weil sie mit bestehenden, steuerlich bereits abgeschriebenen Großanlagen konkurrieren müssen. Die Vorwürfe der Wettbewerbsverzerrung vonseiten der Papierindustrie gehen daher völlig ins Leere. Dem Großteil der Holzkraftwerke wird zwar ein Übergang in ein neues Ökostromgesetz ermöglicht werden, für einige An lagen werden die Tarife aber zu niedrig sein. Daher brauchen wir dringend neue Verwertungskapazitäten für niederwertige Holzsortimente, sonst werden die mit der Klimakatastrophe tendenziell steigenden Schadholzmengen ungenutzt im Wald verrotten. Das wäre absurd, da wir sie zur Eindämmung der Klimakatastrophe dringend benötigen. Nahwärmeanlagenbetreiber stehen zwar aktuell vor einem Überangebot, wissen allerdings aus Erfahrung, dass sich die regionale und saisonale Angebotslage auch schnell wieder ändern kann. Daher wird meist versucht, langfristige Lieferantenbeziehungen aufzubauen – ein fairer Preis für beide Seiten gehört hier zum Geschäftsmodell.


Wie geht’s voran mit der Nachfolgeregelung des Ökostromgesetzes? Macht sich die derzeitige Phase der Übergangsregierung hier negativ bemerkbar?

Die Handlungserfordernisse liegen durch das Biomasse-Grundsatzgesetz bei den Bundesländern, diese arbeiten an Ausführungsgesetzen. In Niederösterreich liegt bereits ein Landtagsbeschluss vor. Das dringend notwendige Erneuerbaren Ausbau Gesetz zum Abbau der Warteschlangen, die bei kleinen Holzkraftwerken bis 2023 reichen, und zu einer langfristigen Lösung für Holzkraftwerke wird voraussichtlich erst unter einer neuen Regierung, also wahrscheinlich nächstes Jahr, kommen. Aktuell liegt auch ein Antrag der ÖVP, FPÖ und NEOS vor, die eine Lösung im alten Ökostromgesetz ermöglichen würden. Es bleibt abzuwarten, ob es hier noch zu einer Einigung mit der SPÖ kommt, die ja im Bundesrat eine Sperrminorität hat und eine ähnliche Lösung bereits einmal im Bundesrat gekippt hat. Die Verabschiedung des Erneuer baren Ausbau Gesetz wird sich durch die Phase der Übergangsregierung in der Tat wahrscheinlich bis 2020 ziehen. Das könnte für einige Betreiber knapp werden.


Können Sie die Investitionen in heimische Biomasse-Anlagen der vergangenen 10 Jahre ungefähr angeben – ohne Simmering?

Aktuell werden in Heizgeräte und Nahwärmeanlagen und Kraftwerke etwa 900 Mio. € im Jahr investiert. In Summe werden es durch die hohen Investitionen Anfang des Jahrzehnts knapp 10 Mrd. € sein. Die Investitionen in den aktuellen Kraftwerkspark im Strombereich werden in Summe seit 2003 bei etwa 2 Mrd. € liegen. Ohne massive Steigerung der Gesamtinvestitionen wird der Biomasse- Einsatz aber tendenziell sinken, da effizientere Technik bei Ersatzinvestitionen von Biomasse-Kesseln und Gebäudedämmung zu sinkendem Biomasse-Einsatz bei Bestandesanlagen führen und erste Altanlagen im Strombereich abgeschaltet wurden.


Wie wird das Prestigeprojekt Simmering aus heutiger Sicht in zehn Jahren aussehen?

Die Anlage hat ihre Lebensdauer bei Weitem noch nicht erreicht und sollte auch in zehn Jahren noch Strom und Wärme produzieren. Alles andere wäre volkswirtschaftlicher Unsinn. Sollte es zu keiner Einigung bei der gesetzlichen Nachfolgeregelung kommen und es keine Einspeisetarif-Vergütung geben, wird Simmering nicht weiterlaufen können. Tatsache ist, dass wir nicht nur SchadholzVerwertungskapazitäten, sondern auch mehr erneuerbare Energie brauchen und damit unsere Treibhausgasreduktion erreichen werden!

Herr Pfemeter, danke für das Gespräch!


Autor: DI Robert Spannlang
17.09.2019, 10:37 MEZ

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