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Mountainbiken im Wald - konfliktbeladen! © Pixabaygrößer

Moderne Freizeitgestaltung im Wald führt zu massiven Interessenskonflikten

Von Samuel Auer, Universität für Bodenkultur Wien

Aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Menschen den Wald als Erholungsort nutzen, kommt es vermehrt zu Interessenskonflikten zwischen Waldwirtschaft und touristischer Nutzung.

Um ein konfliktfreies Nebeneinander zu gewährleisten, gibt es Besucherlenkungen, die Freigaben und Befahrungsverbote von Forststraßen für den Tourismus vorgeben. Wenn die Besucherlenkung aufgrund von Ignorieren oder Nichteinhalten der Erholungssuchenden nicht funktioniert, kommt es dazu, dass das Wild durch das hohe Störungspotenzial diverser Freizeitaktivitäten in sehr kleine Areale zurückgedrängt wird und in diesen kleinen Habitaten der Verbissdruck enorm ansteigt. In weiterer Folge kommt es damit zu Beeinträchtigungen des gesamten Ökosystems, was schlussendlich negative Auswirkungen auf die Forstwirtschaft und rückwirkend auch auf den Tourismus hat. Dieser Artikel soll deutlich darstellen, welche Folgen durch ein Nichteinhalten der Besucherlenkung entstehen können.  


Die Vielfalt und Frequenz der Freizeitaktivitäten hat in den letzten Jahrzehnten sehr stark zugenommen. Dabei gerät der Wald immer häufiger in den Fokus. Die Gebiete, in denen Mountainbiken, Joggen, Reiten, Wandern oder Geocaching ausgeübt werden, sind gleichzeitig auch Lebensraum von Wildtieren. Somit kann es zu Begegnungen, infolgedessen zu Stresssituationen und dadurch entstehenden Konflikten kommen (Ingold, 2005, 76).
Wie aus diversen Studien hervorgeht, verhalten sich Wildtiere teilweise sehr unterschiedlich gegenüber den verschiedenen Freizeitaktivitäten. Besonders dem Mountainbiken wird ein hohes Störungspotenzial zugeschrieben, da Wildtiere aufgrund der hohen Geschwindigkeit und der relativ geringen Lautstärke überrascht werden und mit Flucht reagieren. Verstärkt wird diese Einwirkung durch Fahrten in der morgendlichen oder abendlichen Dämmerung, weil dies die Hauptaktivitätszeiten der meisten Wildtierarten sind (Heckl et al., 2012, s.p.). Diese Störungen führen oft im Weiteren dazu, dass sich das Wild in kleinere Areale zurückzieht, in denen es nicht oder nur wenig gestört wird. Das hat aber zur Folge, dass sich dort die Schäden durch Verbiss und Schälung signifikant erhöhen. Und dies führt letztendlich zu negativen Beeinträchtigungen der Waldfunktionen inklusive wirtschaftlichen Verlusten. Um dieser Spirale negativer Effekte entgegenzuwirken, wird immer öfter auf Besucherlenkung gesetzt. Wie in dieser Arbeit aufgezeigt wird, werden im Untersuchungsgebiet Forststraßen und Forstwege explizit für Mountainbiker, Jogger und Wanderer freigegeben. Auf der anderen Seite werden aber auch Verbotsstrecken ausgewiesen, um das Wild vor Störungen und in weiterer Folge den Wald zu schützen. Mit dieser Arbeit soll also einerseits herausgefunden werden, ob die Besucherlenkung im Untersuchungsgebiet mit der Ausweisung von erlaubten bzw. verbotenen Strecken funktioniert. Andererseits sollen die Auswirkungen der Störeinflüsse durch erholungssuchende Menschen im Wald dargestellt werden. 


Auer_Abbildung 1 © Auergrößer

Material und Methoden

Grundlage für die Erkenntnisse dieser Arbeit war eine ausführliche Literaturrecherche. Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit beruht jedoch auf empirisch erhobenen Daten. Dabei wurden an vier Standorten, jeweils an zwei für alle Freizeitaktivitäten freigegebenen Strecken und an zwei für Mountainbiker und Reiter verbotene Strecken 17 Tage lang alle Bewegungen aufgezeichnet. Zur Erhebung wurden Wildkameras verwendet. Um die Identifikation von Personen auszuschließen, wurde eine entsprechende Kameraposition (Winkel, Entfernung) gewählt, sowie eine sehr geringe Auflösung verwendet. Zudem wurden die Aufnahmen nach der Auswertung unwiederbringlich gelöscht. Damit kam das Datenschutzgesetz (DSG 2000) mangels Vorliegens personenbezogener Daten nicht zur Anwendung.  


Ergebnisse

In dieser Arbeit wurde auf mehrere Aspekte eingegangen. Neben der Erstellung einer Frequenzanalyse vier ausgewählter Strecken wurde auch die zeitliche Beeinflussung aller Freizeitaktivitäten erhoben. Zusätzlich wurden auch die Aktivitäten von Hunden dargestellt. In diesem Artikel wird jedoch hauptsächlich auf die Nutzung von für Mountainbiker und Reiter gesperrte Strecken, die den wichtigsten Ergebnisteil darstellen, eingegangen. Abbildung 1 zeigt dabei die Verteilung der Freizeitaktivitäten an den zwei für Mountainbiker und Reiter gesperrten Strecken. Die Kategorie Wandern/Spazieren stellt hier mit 224 Erfassungen in den 17 Tagen der Erhebung den mit Abstand größten Block dar. Weiters wurden in diesem Zeitraum auch 43 Jogger erfasst. Die mit rot dargestellten Kategorien Mountainbiken und Reiten kommen gemeinsam auf einen Wert von 148 Zählungen im Zeitraum der Erhebung. Dies bedeutet, dass 35,7 % aller Menschen verbotener Weise unterwegs sind. Den Großteil davon machen mit einem Wert von 143 die Mountainbiker aus. Hochgerechnet entspricht das einem Wert von 8,4 Mountainbiker pro Tag.  


Auer_Abbildung 2 © Auergrößer

Diskussion

Seit einiger Zeit gibt es in beinahe allen Medien eine hitzig geführte Diskussion um die generelle Öffnung der Forststraßen, obwohl eine Meinungsumfrage im Jahre 2015 besagt, dass 75 % der Österreicher das Wege- und Routennetz für Mountainbiker als ausreichend ausgebaut betrachten (Österreichischer Forstverein, 2018). Argumente für die Öffnung sind zum Beispiel, dass der Radsport boomt und dadurch die Gesetze aufgelockert werden müssen. Das Haupt-Gegenargument ist die vermehrte Beunruhigung des Wildes, die in weiterer Folge Auswirkungen auf den Wald hat (Kurier, 2017).
Um einen Kompromiss zu finden, gibt es im Untersuchungsgebiet eine sogenannte Besucherlenkung, die die Freigabe von bestimmten Strecken für den Tourismus vorgibt. Damit sollte ein gemeinsames und konfliktfreies Nebeneinander von Wild und Erholungssuchenden ermöglicht werden. Weil der Wald aber großteils in privaten Eigentum ist, sind auch die Waldbesitzer dazu aufgefordert Kompromisse einzugehen. Der steigende Bedarf an zusätzliches Radrouten wird von den Grundbesitzern durchaus akzeptiert und viele sind auch bemüht an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Leider funktioniert diese Besucherlenkung aber noch nicht optimal. Der hauptsächliche Grund dafür ist das Nichtbeachten der Verbote. Wie die Daten im Ergebnisteil zeigen, sind trotz Verbotsstrecken eine Vielzahl an Erholungssuchenden auf den angesprochenen Straßen unterwegs und sorgen somit für eine immense Beunruhigung des Wildes in genau den Zonen, in denen es sich eben durch Verbotsstrecken ungestört aufhalten sollte können. Viele Sportler versuchen zu argumentieren, dass das Wild durch ihren Sport im Wald ja gar nicht gestört wird und es sich ohnehin nicht auf den Forststraßen aufhält (Kurier, 2017). Bilder aus der Datenerhebung dieser Arbeit und wissenschaftliche Studien von Gander und Ingold bestätigen allerdings genau das Gegenteil. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zeigen, dass im erhobenen Gebiet eine sehr hohe Aktivität von Freizeitnutzenden vorliegt. Eine Untersuchung von Döring (1987) kam in einem Gebiet mit Rot- und Rehwildaufkommen zum Ergebnis, dass die Verbissbelastung ab 180 m abseits des Weges sprunghaft ansteigt. Im Untersuchungsgebiet dieser Arbeit ist ein Forststraßennetzwerk von 44 km vorhanden. Wenn man die Untersuchung von Döring zum Vergleich annimmt und im untersuchten Gebiet beidseitig der Forststraßen 180 m ausweist und diese Fläche von der Gesamtfläche von 880,9 ha abzieht, kommt es zu einer drastischen Verkleinerung des Gebietes. Dies macht den effektiven Einfluss anthropogener Aktivitäten aber erst deutlich. Abbildung 2 zeigt in Grün das angesprochene Gebiet. Rot hinterlegt sind dabei alle Straßen inklusive den 180 m links und rechts der Straße liegenden Flächen, an denen der Verbissdruck viel schwächer ist und sich die Rehe aufgrund der Störungen seltener aufhalten. Lediglich die grün ersichtlichen Restflächen können vom Wild genutzt werden ohne dabei ständig von Menschen gestört zu werden. Mit dieser Fläche kann deutlich gezeigt werden, welch drastischen Einfluss die moderne Freizeitgestaltung auf das Wild und in weiterer Folge den Wald samt seiner Funktionen hat.
Um genau diese sehr kleinen grünen Flächen wie in Abbildung 3 größer zu halten, werden im angesprochenen Revier bestimmte Strecken, die für alle Freizeitaktivitäten offen sind, angelegt. Wenn tatsächlich ausschließlich diese Strecken genutzt werden würden und die Menschen sich an die Benutzungsverbote hielten, würden, wie in Abbildung 3 ersichtlich, deutlich mehr Flächen für das Wild zur Verfügung stehen und es würden in weiterer Folge aufgrund eines entsprechenden Verteilungseffektes die Funktionen des Waldes bei Weitem nicht so beeinträchtigt werden.
Der Vergleich der Abbildungen 2 und 3 zeigt deutlich, wie wichtig es für die Forstwirtschaft ist, dass die Besucherlenkung funktioniert. Des Weiteren soll damit klargestellt werden, dass es vor allem am erholungssuchenden Menschen liegt, den Wald richtig zu nutzen und sich an die Regeln zu halten. 


Auer_Abbildung 3 © Auergrößer

Schlussfolgerung

Mit einem ausreichenden Umfang an Daten belegt zeigt die vorliegende Arbeit, dass die Besucherlenkung, die ein konfliktfreies Nebeneinander von Wild und Tourismus bei einer zeitgleichen Befriedigung der Interessen der privaten Waldbesitzer erreichen soll, nicht optimal funktioniert. Hauptverantwortlich dafür sind all die erholungssuchenden Menschen, die sich nicht an die vorgegebenen Regeln halten bzw. diese ignorieren. Dass dies zu einer enormen Beeinträchtigung des Wildes und in weiterer Folge zu Schäden in der Forstwirtschaft führt, wurde deutlich aufgezeigt. Um diesem Negativtrend der Waldnutzung entgegen zu wirken, ist auch die Politik dazu angehalten, deutlich zu machen, dass der Wald zwar sehr wohl als Erholungsort zu sehen und zu nutzen ist, allerdings nicht als Spielplatz für Jedermann, an dem es keine Regeln und Grenzen gibt. Eine Besucherlenkung ist vor allem für einen Wald mit hoher Tourismusfrequentierung essentiell um eine nachhaltige Bewirtschaftung zu sichern. Um ein konfliktfreies Nebeneinander zu gewährleisten sind vor allem die Erholungssuchenden gefordert, sich an die vorgegebenen Regeln zu halten, damit der Wald auch in zukünftigen Generationen weiter als Erholungsort genutzt werden kann.
  Quellen:
Basemap Capabilities (2018): Orthofoto Österreich. Verfügbar in: https://www.basemap.at/wmts/1.0.0/WMTSCapabilities.xml (27.09.2018)
Döring, R. (1987): Praktische Anwendung eines Stichprobenverfahrens zur Erfassung der Verbißschäden durch Schalenwild im Staatlichen Forstamt Neuhaus im Solling unter besonderer Berücksichtigung des menschlichen Störfaktors. Göttingen: Diplomarbeit FH Hildesheim/Holzminden, Fachbereich Forstwirtschaft in Göttingen.
Gander, H. und Ingold, P. (1997): Reactions of male alpine chamois (Rupicapra r. rupicapra) to hikers, joggers and mountainbikers. Biological Conservations, 79, 107-109.
Heckl, F.; Lexer, W.; Reimoser, F. (2012). Auswirkungen von Freizeit und Tourismus in Großschutzgebieten. Wien: Selbstverlag
Ingold, P. (2005): Freizeitaktivitäten und Wildtiere – Konflikte und Lösungen. Bern: Selbstverlag.
Österreichischer Forstverein (2018): Sicherheit im Wald für alle. Verfügbar in: http://www.sicherheitfueralleimwald.at/mountainbiken-im-wald/ (07.09.2018).
Zach, K. (2017): Mountainbiker fordern Freigabe der Forststraßen. Kurier (03.05.2017).
Kontakt: SamuelAuer@gmx.at


Autor: Maierhofer
24.03.2020, 08:52 MEZ

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