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Zukunftsfähige Waldbewirtschaftung: Forstwirtschaft und Biodiversität

Von DI Sophie Ette, Bundesforschungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft, Institut für Waldgenetik

ROCKSTRÖM ET AL. (2009) bezeichnen den Verlust der Biodiversität als größte ökologische Herausforderung unserer Zeit. Der Biodiversitätsverlust wird dabei als eine direkte Folge des Klimawandels und der Entwicklung der globalen Phosphor- und Stickstoffkreisläufe dargestellt. Biodiversität bildet die Grundlage für die vielfältigen Ökosystemfunktionen und damit die Basis unseres Wirtschaftssystems und unserer Zivilisation (UN BIODIVERSITÄTSKONVENTION, 1992). Daher steigt das politische und wissenschaftliche Interesse an der Bewertung der Biodiversität von Ökosystemen stetig.

Entwicklung des umweltpolitischen Begriffs Biodiversität

Seit der Renaissance wollen Forscher wie Conrad Gesner (1516-1565) einen Überblick über die natürliche Vielfalt gewinnen. Jedoch erst zweihundert Jahre später wird durch Carl von Linné (1707-1778) das nomenklatorische System der Arten etabliert (BEIERKUHNLEIN, 1998). In den 1980er und 1990er-Jahren wird der Diversitätsbegriff um wesentliche Aspekte erweitert und beinhaltet nun auch die Diversität von Landschaften und Ökosystemen. Im Rahmen einer Tagung, die sich mit den Problemen globaler Artenverluste befasst, werden 1986 erstmals die englischen Begriffe "Biological Diversity" zu "BioDiversity" zusammengezogen.
Seit der UN-Biodiversitäts-Konvention (Rio de Janeiro, 1992) bekommt „Biodiversität“ auf internationaler Ebene als Wissenschaftskonzept, sowie als umweltpolitisches Schlagwort Bedeutung (BEIERKUHNLEIN, 1998). Das umweltpolitische Gewicht ergibt sich hierbei aus der Ecological Insurance Hypothesis und der daraus zu erwartenden funktionalen Redundanz der Ökosysteme (DEN BOER, 1968; YACHI U. LOREAU, 1999). Erstere besagt, dass eine erhöhte Artendiversität die Wahrscheinlichkeit des Verlusts von Ökosystemleistungen bei Veränderung von Umweltbedingungen senkt, da mehrere Arten mit verschiedenen umweltfaktorenbedingten Toleranzschwellen dieselbe Funktion erfüllen können. Zweitere hingegen bedeutet, dass eine erhöhte Diversität der Artenzusammensetzung und der genetischen Vielfalt einer Population zur Stabilisierung von Ökosystemen führt. In der Biodiversitäts-Konvention 1992 wird der Begriff schließlich neu definiert und besteht nun aus drei gleichwertigen Dimensionen: Die Vielfalt von Arten, von Ökosystemen sowie die genetische Diversität (UN BIODIVERSITÄTSKONVENTION, 1992).


Komplexität von Biodiversitätsschätzungen

Bei Studien und Untersuchungen zur Beschreibung der Diversität eines Gebietes werden selten alle drei Dimensionen der Biodiversität zu gleichen Teilen berücksichtigt, da dies sehr umfangreiche Datengrundlagen erfordert. Als nicht vollständig erfass- und messbare Größe beschreibt Biodiversität die Vielfalt biotischer Einheiten zu einem bestimmten Zeitpunkt (bzw. Zeitraum) in einem bestimmten Raum (BEIERKUHNLEIN, 1998; WILLIAMS, 2004). Unterschiedliche Biodiversitäts-Indizes schätzen als Proxys indirekt sehr gut die zu erwartende Biodiversität eines Gebietes anhand verschiedener, messbarer Teilaspekte (HABER, 1982). Diese werden erst in Kombination verwendet sehr aussagekräftig (LETCHER ET AL., 1998; AMMER UND SCHUBERT, 1999; ELLENBERG ET AL., 1985). Zugrundeliegend ist dabei die Erkenntnis, dass eine höhere Vielfalt an Lebensraumstrukturen und Pflanzenarten mit der Artenanzahl an vergesellschafteten Lebewesen in einem Ökosystem durch hohe Nischenheterogenität positiv korreliert ist (BEGON ET AL., 1991; TEWS ET AL., 2004; WINTER U. MÖLLER, 2008; MOTZ ET AL., 2010). Biodiversitätsindizes können allgemein unterteilt werden in direkte Artenindizes (Simpson-Index, Shannon-Index u.v.m.) und indirekte Strukturindizes (Clark & Evans-Index, Stand-Density-Index u.v.m.). 


Smaragdeidechse © S. Ettegrößer

Bewertung von Maßnahmen

Werden Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität gesetzt, sollte das Ziel keine maximale Artenanzahl, sondern eine lokal typische Artenzusammensetzung sein. Ein kleines Gebiet mit wenigen, hochspezialisierten Arten (z. Bsp. Hochmoor) kann auf regionaler Ebene eine sehr hohe Bedeutung für die Biodiversität auf Landschaftsebene haben, wenn es sich stark von seiner Umgebung (Nadelwald) unterscheidet. Hingegen würden Maßnahmen zur lokalen Maximierung der Artenanzahl einer Moorfläche, etwa durch Trockenlegung des Moores, auf der Landschaftsebene zu negative Folgen durch Verlust an Arten, hochspezialisierten Ökosystemen und zusätzlich dem Verlust genetischer innerartlicher Information durch Anpassung umstehender Bäume an einen Extremstandort führen.
Diese Begriffskomplexität kann die Kommunikation des Konzepts sehr erschweren und zu Missverständnissen in der Öffentlichkeit führen, da Biodiversität in Medien und sogar in Fachdiskussionen häufig vereinfacht nur mit „Artenvielfalt“ gleichgesetzt wird, was für das Begriffsverständnis jedoch unzureichend ist. Um Maßnahmen und ihre Auswirkungen auf Biodiversität zu beurteilen, sollten daher immer zuerst getrennt über die Auswirkungen auf Arten-, Ökosystem- und genetische Diversität nachgedacht werden und diese Erkenntnisse dann anschließend im Landschaftskontext beurteilt werden.  


Totholz © S. Ettegrößer

Forstwirtschaft und Biodiversität

In Mitteleuropa zeigen landschaftlich zumeist die Wälder die größte Naturnähe und sind wichtige Träger für den Erhalt der Biodiversität (LINDENMAYER U. FRANKLIN, 2002). Zugleich ist die Forstwirtschaft, gerade in ländlichen Gegenden, ein wichtiger Arbeitgeber, hat eine hohe kulturhistorische Bedeutung als traditionelle Landnutzungsform und dient der Rohstoffversorgung. Waldökosysteme sind Lebensraum für 80% der terrestrischen Arten, jedoch sind global nur 12% der Wälder ausgewiesene Schutzgebiete (FAO, 2010), woraus sich eine große Verantwortung der Waldbewirtschafter für dieses Naturerbe ergibt. Mit dem Klimawandel steigen die Herausforderungen in der Waldbewirtschaftung und es wird eine Zunahme von Störungsereignissen erwartet. Zeitgleich nehmen gesellschaftliche Ansprüche an die Multifunktionalität der Wälder zu. Um allen Anforderungen gerecht werden zu können, muss die Qualität der Wälder und die assoziierten Ökosystemfunktionen erhalten werden. Die Förderung der lokal typischen, charakteristischen Biodiversität kann eine Möglichkeit zur Steigerung der Anpassungsfähigkeit oder Resilienz eines Waldes hinsichtlich Klimaveränderung darstellen. Dies ist sowohl aus einer wirtschaftlichen als auch aus einer gesellschaftlichen Perspektive sinnvoll. 


Biodiversitätsschätzung aus Forstinventurdaten

Zu Bewirtschaftungszwecken wurden in Europa bereits vor langer Zeit flächendeckend nationale Forstinventuren zur Beurteilung der Holzvorratsentwicklung entwickelt. Es gibt einen bislang offenen wissenschaftlichen Diskurs darüber, ob diese nationalen Forstinventuren auch das Potential für Aussagen über die Biodiversitätsentwicklung der Flächen haben (CORONA ET AL., 2011). Aktuelle Untersuchungen aus dem Biosphärenpark Wienerwald deuten darauf hin, dass die in Waldinventuren üblicherweise aufgenommenen Kenngrößen mit jenen übereinstimmen, welche die Biodiversitätsindizes statistisch am stärksten beeinflussen. In einer Diplomarbeit wurden hierfür 1649 Inventurpunkte in den 37 unbewirtschafteten Kernzonen des Biosphärenparks Wienerwald auf einer Flächengröße von insgesamt 5.400 Hektar ausgewertet (ETTE, 2018). Die zugrundeliegenden Daten umfassen Winkelzählproben, Totholzaufnahmen, Verjüngungs- und Verbissaufnahmen, Bodenprofilansprachen und Bodenlaboranalysen. Dies stellt ein Argument für die Bewertung der Biodiversität aus Waldinventurdaten im buchendominierten Laubmischwald dar.


Empfehlungen für den Waldbau

Die Biodiversität im Wald kann auf vielen Wegen gefördert werden. Die genetische Diversität wird stark von der jeweiligen Verjüngungsmethode und, falls notwendig, vom Einsatz des richtigen Vermehrungsguts beeinflusst. Die Artendiversität kann mit Baumarten der potentiell natürlichen Waldgesellschaft, dem Erhalt von Mischbaumarten und der Förderung von seltenen Baumarten gesteigert werden. Die Strukturdiversität kann durch das Belassen von Totholz, dem Aufbau von ungleichaltrigen Beständen und dem dauerhaften Erhalt von Biotopbäumen oder Baumgruppen gefördert werden. Holzernteeingriffe können zudem räumlich und zeitlich variiert werden und sich in Größe, Form und Häufigkeit an den natürlich auftretenden Störungsmustern des jeweiligen Waldökosystems orientieren.  


Sophie Ette © Maierhofergrößer Sophie Ette hat Forstwissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien studiert und sich in der Studienzeit bereits intensiv mit dem Thema Biodiversität und Schutzgebietsmanagement auseinandergesetzt. Sie arbeitet nun als Doktorandin mit dem Schwerpunkt Biodiversitätsschätzung am Institut für Waldgenetik des BFW.  (Literaturangaben auf Anfrage bei der Autorin)  


Autor: Maierhofer
24.03.2020, 09:29 MEZ

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